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Rolevincks Weltchronik im USTC: Die Sichtbarmachung der Altbestände der DHIP-Bibliothek in bibliographischen Datenbanken

Teil 1: Universal Short Title Catalogue (USTC)

Die Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts Paris ist vor allem für ihre geschichtswissenschaftlichen Bestände bekannt. Darüber hinaus befinden sich in den Regalen des Magazins auch historische Druckwerke. Diese sind zwar im OPAC der Bibliothek verzeichnet, blieben dort jedoch für die Wissenschaftscommunity und das interessierte Fachpublikum schwer auffindbar. Durch die Integration von Bestandsnachweisen in einschlägige Rechercheplattformen für historische Drucke wird ihre Sichtbarkeit nun seit dem Frühjahr 2026 erhöht.

Screenshot der Startseite des USTC

Eine Rechercheplattform von internationaler Relevanz, an die die Institutsbibliothek ihre Bestände nun meldete, war der Universal Short Title Catalogue (USTC). Beim USTC handelt es sich um eine Gesamtbibliographie, in der alle Drucke verzeichnet werden, die zwischen 1450 und 1700 entstanden sind. Über 1,6 Millionen Ausgaben wurden bislang aufgenommen, mit Bestandsnachweisen über circa 7 Millionen Exemplare, die sich weltweit auf über 10.000 Bibliotheken, Archive und Museen verteilen. Die englischsprachige Website des von der University of St Andrews betreuten Projekts richtet sich an ein internationales Fachpublikum und bietet diverse Suchfunktionen, etwa nach Format, Kolophon oder Land. Jede Ausgabe eines Werkes wird einzeln verzeichnet und mit entsprechenden Digitalisaten, besitzenden Institutionen sowie Bibliographien, in denen sie erwähnt wird, verlinkt.

Screenshot der Suchoberfläche

Die Recherchemöglichkeiten mit dem USTC gehen dabei weit über eine Titel- und Bestandssuche hinaus. Mithilfe der Filter lässt sich auch ermitteln, wann und wo ein Autor oder ein bestimmtes Werk in welchen Sprachen veröffentlicht wurde. Dies kann aus rezeptionsgeschichtlicher Perspektive aufschlussreich sein. Außerdem lassen sich Sprachentwicklungen und Übersetzungstrends erkennen und man kann Schlüsse ziehen, in welchen Sprachen an bestimmten Orten vorrangig gelesen wurde. Zudem kann man aus diesen Informationen Rückschlüsse auf die Bedingungen des Wissenstransfers ziehen, etwa hinsichtlich der Geschwindigkeit und der Wege, auf denen sich Wissen verbreitete, oder des Einflusses historischer Ereignisse auf Publikationsprozesse und Wissenszirkulation.

Übersicht: Anzahl der Ausgaben von Werner Rolevincks Fasciculus temporum nach Jahrzehnten (Screenshot der Suchergebnisse)



Übersicht: Druckorte des Fasciculus temporum von Werner Rolevinck und Anzahl der dort erschienenen überlieferten Ausgaben (Screenshot der Suchergebnisse)



Übersicht: Sprachen in denen Werner RolevincksFasciculus temporum gedruckt wurde nach Anzahl überlieferter Ausgaben (Screenshot der Suchergebnisse)

So zeichnet sich im USTC beispielsweise die große Popularität des ältesten Werks der Institutsbibliothek – Werner Rolevincks Fasciculus temporum – ab, die es um 1500 genoss:

Das 1474 erstmals in Köln publizierte Werk gilt als einer der ersten Bestseller in der Geschichte des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg.1 Anhand der Suchergebnisse lässt sich die europaweite Verbreitung nachvollziehen. Die Druckorte der bekannten Ausgaben liegen im heutigen Frankreich, Italien, den Niederlanden, der Schweiz, Spanien und Deutschland.

So erstaunt es auch nicht, dass unser 38 Jahre nach der Erstveröffentlichung erschienenes Exemplar in Paris gedruckt wurde, wobei es sich jedoch nicht um eine der seltenen überlieferten Ausgaben in französischer Sprache handelt, sondern um die originäre lateinische Fassung. Vier der sechs überlieferten, in Paris veröffentlichten Ausgaben des Werks sind in lateinischer Sprache verfasst. Sie wurden zwischen 1512 und 1525 von dem Buchhändler Jean Petit vertrieben, wobei unklar ist, welcher Drucker sie fertigte.2 Zuvor war bereits 1505 eine Pariser Ausgabe  „en François” und „pour Jean Petit” erschienen, von der bekannt ist, dass sie von Nicolas du Pré gedruckt wurde. Sie basierte auf einer von Pierre Farget angefertigten französischsprachigen Übersetzung, die auch unter dem Titel Les fleurs et manieres des temps passes bekannt ist. Gedruckt wurde sie zuvor bereits 1483 und 1498 von Mathias Huss in Lyon. Ebenfalls von Mathias Huss gefertigt wurde die lateinische Ausgabe, die unserer 1512 erschienenen Ausgabe hinsichtlich des Formats und der Holzschnitte als Modell gedient haben muss.3 Dank des USTC lässt sich derartigen intertextuellen Spurensuchen einfach nachgehen. So kann man mit wenigen Klicks erkennen, wie sehr die Verbreitung literarischer Texte im 16. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Austausch zwischen Druckern und Buchhändlern in den frühen Zentren des Buchdrucks steht.

Neben einer niederländischen Übersetzung, die 1529 in Antwerpen veröffentlicht wurde, handelt es sich bei den Pariser Ausgaben um die einzigen heute bekannten Drucke des Fasciculus temporum aus dem 16. Jahrhundert. Spätere Ausgaben sind ebenfalls nicht bekannt. Auffällig ist dabei, dass das Werk stetig fortgeschrieben wurde. So endet die 1512 veröffentlichte Ausgabe aus den Beständen des DHIP mit der Schlacht bei Ravenna vom 11. April 1512, in der die Franzosen gegen die päpstlichen Truppen siegten:

Auszug aus dem letzten Abschnitt: Die Universalgeschichte endet mit dem ruhmreichen Sieg der französischen Truppen
(Scan aus dem Exemplar der Biblkiothek)

Hierbei handelt es sich um ein Vorgehen, das üblich war und auch in anderen Fassungen von Rolevincks Chronik zu beobachten ist.4

Seit März 2026 sind alle 15 Titel aus dem 16. Jahrhundert, die sich im Bestand der Institutsbibliothek befinden, im USTC nachgewiesen. Mit einer Titelliste, auf der auch die zuvor ermittelten USTC-Nummern und Permalinks zu den zugehörigen Einträgen vermerkt waren, wandten wir uns direkt an Arthur der Weduwen, den Direktor des USTC, der die Bestandsnachweise noch am selben Tag einarbeitete. Auf die gleiche Weise konnten im April 89 Drucke aus dem 17. Jahrhundert gemeldet werden, wobei die Implementierung dieser Bestandsnachweise im USTC noch aussteht. Damit konnte die Bibliothek des DHIP die Einbindung ihres Altbestands in nationale und internationale Nachweissysteme entscheidend vorantreiben und zugleich einen kleinen Beitrag zu einem vollständigeren Bild der europäischen Druckgeschichte leisten.   


  1. Vgl. Johan Seynnaeve, „The language of the first vernacular Version of the Fasciculus temporum“, in: James Hogg (ed.), Die Kartäuser und die Künste ihrer Zeit, Band 2 (= Analecta Cartusiana 157, 2002), S. 31–36, hier S. 31. Online: http://cartusiana.org/sites/default/files/Seynnaeve_Rolevinck_Fasciculus%20temporum%20in%20Middle%20Dutch.pdf (27. April 2026). [↩]
  2. Dominique Coq, „Un enrichissement de la bibliothèque de l’Institut historique allemand de Paris : Le Fasciculus temporum de Werner Rolewinck, édité à Paris en 1512“, in: Francia, Nr. 7 (1979), S. 580–582, hier S. 582. Online: https://doi.org/10.11588/fr.1979.0.49329. [↩]
  3. Vgl. ebd., S. 581. [↩]
  4. Vgl. ebd., S. 582. [↩]
Malou Mauren
Malou Mauren
Malou Mauren schloss 2025 ihren Master in Romanischer Philologie (Universität Potsdam / Università degli Studi di Verona) ab und studiert… Weiterlesen

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Malou Mauren (30. April 2026). Rolevincks Weltchronik im USTC: Die Sichtbarmachung der Altbestände der DHIP-Bibliothek in bibliographischen Datenbanken. Franco-Fil. Abgerufen am 6. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/165o8


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